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Screen-Reader-Zugänglichkeit des Nischenbrowsers Vivaldi

Geschrieben von Steffen Schultz 2 Kommentare

Im Jahr 2013 entschlossen sich die Entwickler des Opera-Browsers zu grundlegenden Änderungen. Nicht nur wechselte man von der eigenen, Presto genannten Browser-Engine zur Webkit-Abspaltung Blink, der Browser wurde auch einer Vielzahl von Funktionen beraubt, und die Nutzer-Community "My Opera" abgeschaltet. Dies legte den Grundstein für Vivaldi, einen Browser, welcher die durch Opera hinterlassene Nische ausfüllen sollte. Die ersten Versionen erschienen im Jahr 2015, mittlerweile gilt Vivaldi als stabil und ist für die gängigen Desktop-Systeme verfügbar. Da er das Rad nicht gänzlich neu erfindet, und z. B. auch ohne Anpassungen auf Chrome-Erweiterungen zugreifen kann, dürfte er inzwischen eine interessante Alternative für diejenigen geworden sein, denen Chrome und der neue Opera zu wenig Funktionalität bieten.

Version 1.11 erschien am 10. August und konzentriert sich auf Zugänglichkeitsoptionen, welche jedoch eher für seheingeschränkte Nutzer interessant sind, darunter ein erweiterter Lesemodus und besser konfigurierbare Mausgesten. Doch wie gut ist Vivaldi für Screen-Reader-Nutzer zugänglich? Ich habe den Nischenbrowser mal getestet, und war angenehm überrascht, wenn auch nicht völlig überzeugt.

Chromium macht es dem Bildschirmleser leicht

Da Vivaldi auf einen erprobten HTML-Renderer setzt, sollte die Zugänglichkeit von Webseiten in allen Screen-Readern möglich sein, die Webkit bzw. dessen von Chrome und Chromium verwendeten Abspaltung Blink unterstützen. Der quelloffene Bildschirmleser NVDA tut dies schon geraume Zeit, was daher auch eine ganze Reihe anderer Browser grundlegend nutzbar macht. Bereits in der ersten Vorabversion habe ich mir Vivaldi angesehen, und konnte die Webseiten relativ gut auslesen. Allerdings hakelte die gesamte Anwendung damals noch ziemlich, sodass ein sauberes Navigieren oft nicht möglich war. Mittlerweile wurden diese Probleme weitgehend behoben, die Standard-Navigation auf Webseiten ist uneingeschränkt möglich. Lediglich beim Wechseln zwischen Webseite und Browser-Bedienelementen ist etwas Fingerspitzengefühl gefragt, hier könnte es noch kleinere Verbesserungen geben. Auch lohnt sich ein Blick in die sehr umfangreichen Einstellungen des Browsers, bevor man sinnvoll damit arbeiten kann.

Stellschrauben für bessere Zugänglichkeit

Vivaldi basiert auf Web-Technologien wie HTML5 und Node.js. Dadurch verhält sich der Browser für den Screen-Reader größtenteils so wie eine Webseite, d. h. nicht nur die Webseite selbst, sondern auch die Bedienelemente des Browsers werden in einer HTML-Ansicht dargestellt. Prinzipiell ist das kein Problem, es erfordert nur etwas Eingewöhnung und sorgt mitunter für Unterscheidungsprobleme zwischen Browser und Webseite. Wem die Elemente der Oberfläche jedoch zu umfangreich sind, der kann sie auf ein Mindestmaß reduzieren und auch die Bedienung des Browsers wieder etwas klassischer gestalten. Hierzu wechselt man in den Einstellungen auf die Registerkarte Darstellung:

  • Systemfenster verwenden: Ist diese Option gesetzt, passt Vivaldi sich an das Betriebssystem an und bietet z. B. durch Drücken der Alt-Taste ein Programmmenü, wie man es aus klassischen Anwendungen kennt.
  • Benutzeroberfläche anzeigen: Wird diese Einstellung deaktiviert, reduziert sich der Umfang angezeigter Bedienelemente zunächst auf die Web-Ansicht und die Statuszeile. Leider verschwinden dann auch die Adressleiste und Lesezeichen, welche aber auf jeweils einem eigenen Einstellungsregister wieder aktiviert und konfiguriert werden können.
  • Statusleiste: Sie wird immer unter einer Webseite angezeigt und lässt sich ebenfalls abschalten.
  • Menü: Hier sollte die Auswahl auf "Vivaldi-Schaltfläche" gesetzt sein, da das horizontale Menü derzeit nicht besonders gut zugänglich ist.

Auf der Registerkarte Tastatur gibt es ebenfalls noch nützliche Einstellungen:

  • Fokuswechsel per TAB-Taste: Gibt an, ob beim Navigieren nur innerhalb der aktiven Symbolleiste navigiert werden soll oder auch die aktive Webseite mit einbezogen wird.
  • Vollzugriff per TAB-Taste: Legt fest, welche Elemente einer Webseite fokussiert werden sollen. Sinnvoll ist hier sicher die Option "Alle Kontrollfelder fokussieren" (gemeint sind hier sämtliche Elemente, nicht nur Kontrollfelder), wobei sich dies nicht auf die in den Bildschirmleser integrierte virtuelle Navigation auswirkt. Es kann aber z. B. bei aktiviertem Fokus-Modus in NVDA helfen, bestimmte Elemente schneller zu erreichen.

Wie man es schon von Firefox her kennt, werden die Einstellungen nicht extra bestätigt, sondern sind sofort nach der Auswahl einer Option aktiv. Die Einstellungen von Vivaldi sind sehr umfangreich, daher sollte man sich einige Minuten Zeit nehmen, um einfach mal alles in Ruhe durchzugehen. Welche Optionen gebraucht werden, muss jeder für sich selbst herausfinden. Auf mich macht der Browser jedenfalls einen interessanten Eindruck, und ich werde ihn weiter beobachten, auch wenn ich wohl vorerst bei Firefox als Hauptbrowser bleiben werde.

Über den Autor

Steffen Schultz, lichtloser Gelegenheitsblogger aus dem Norden Brandenburgs. Ist auf Windows, Linux und Android unterwegs.

2 Kommentare

#1  - werwoelfchen sagte :

Leider ist Vivaldi in Linux mit Orca nicht nutzbar. Dafür gibt es aber den Seamonkey, welcher auch unter Linux nutzbar ist.

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#2  - Steffen Schultz sagte :

Auf Webkit bzw. Blink basierende Anwendungen sind unter Linux generell leider noch nicht mit Orca nutzbar.

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