Ist Javascript das neue HTML?

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Kategorisiert in : Software Schlüsselwörter : A11Y, HTML, Javascript, OpenSource

Es gibt immer mehr Webseiten, die sich ohne eingeschaltetes Javascript kaum oder gar nicht mehr bedienen lassen, obwohl viele der betreffenden Funktionen sich auch ohne Javascript realisieren ließen. Was sich zunächst auf nebensächliche Dinge wie Counter, Statistiktracker oder Banner-Rotatoren beschränkte, weitete sich bald schon auf die eigentlichen Inhalte aus. Bestes Beispiel hierfür sind die immer häufiger anzutreffenden extern gehosteten Kommentarsysteme in Blogs (Disqus etc), die sich ohne Javascript nicht nutzen lassen. Was für die meisten Nutzer kein größeres Problem ist, lässt sicherheitsbewusstere (paranoidere?) Menschen mit dem Kopf schütteln. Und nein, blinde und sehbehinderte Nutzer sind nicht einmal diejenigen, die eine solche Verunstaltung des Webs am meisten trifft, sofern sie nicht auf veraltete Zugangssoftware angewiesen sind oder einen textbasierten Browser nutzen. Auch Suchmaschinen, also eine der grundlegendsten Bausteine des Internets überhaupt, dürften bei der Katalogisierung mancher Webanwendung so ihre Probleme haben.

Nun reiht sich auch die Übersetzungsplattform Transifex in die Ansammlung jener Dienste ein, die Webseitenbetreibern die Arbeit aus der Hand nehmen wollen. Mit Transifex Live, das in einer ersten, nur durch Einladungen nutzbaren Betaversion verfügbar ist, wird das Versprechen gegeben, dass Webseitenbetreiber künftig nur noch eine einzige Zeile Javascript-Code in ihre Webseite einbetten müssten, um internationalen Besuchern die Inhalte in ihrer Sprache zu präsentieren. Für den Betreiber ist somit kein eigenes Coding mehr notwendig und er kann sämtliche Übersetzungen seiner Seite auf Transifex verwalten. Besucht nun ein französischer oder russischer Anwender eine Webseite, werden automatisch die für ihn relevanten Übersetzungen von Transifex abgerufen und angezeigt, sofern verfügbar.

Einerseits eine schöne Idee, die aber auch ihre Tücken haben dürfte. Hat ein Besucher kein Javascript zur Verfügung oder lehnt dies grundsätzlich ab, wird eine mit Transifex verwaltete Webseite vermutlich nur in ihrer Originalsprache dargestellt werden können. Für englische Seiten mag dies noch vertretbar sein, aber welcher Durchschnittsnutzer in Europa spricht z. B. schon Chinesisch? Von den datenschutzrechtlichen Fragen, die sich beim Abrufen der Inhalte ergeben könnten, sei hier mal gar keine Rede.
Die Zugänglichkeit von Webseiten ist also längst nicht nur ein Problem von Blinden und Sehbehinderten, wie die meisten vielleicht denken mögen, auch Sprachbarrieren gilt es zu überwinden. Ob der neue Transifex-Dienst dieser Zugänglichkeit eher entgegenwirken könnte, wird sich zeigen müssen. Noch habe ich keine Webseite gesehen, welche diesen Dienst schon im Einsatz hat. Gesunde Skepsis sei jedem Interessenten aber anzuraten, trotz aller versprochenen Bequemlichkeit.

Über den Autor

Steffen Schultz, ein lichtloser Gelegenheitsblogger aus dem Norden Brandenburgs. Ich bin auf den Betriebssystemen Windows, Linux und Android unterwegs und berichte u. a. über meine Erfahrungen beim Nutzen von Anwendungen mit Zugangstechnologien für Blinde.

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