Installation eines sprechenden Desktop-Systems auf dem Raspberry Pi

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Kategorisiert in : Software Schlüsselwörter : A11Y, Linux, OpenSource, Orca, Raspberry Pi

Diese Anleitung zeigt, wie man einen Raspberry Pi zu einem sprechenden Desktop-System auf Basis von Raspbian Jessie und Mate aufrüstet. Der Mate-Desktop ist ein Fork des ehemaligen GNOME 2, und bietet in Sachen Geschwindigkeit und Zugänglichkeit derzeit den besten Kompromiss auf einem Raspberry Pi. Die folgenden Schritte orientieren sich stark an der englischen Anleitung auf Raspberryvi.org, sollen jedoch etwas kompakter verfasst sein, um unnötige Verwirrung zu minimieren. Grundkenntnisse im Bedienen eines Linux-Systems setze ich hier einfach mal voraus. :)

Vorbereitung

Damit der Raspberry Pi reibungslos per Sprachausgabe genutzt werden kann, wird eine USB-Soundkarte benötigt. Dies hat den Hintergrund, dass der Alsa-Treiber für den Soundchip des Pi nicht korrekt arbeitet, und in Zusammenarbeit mit der Sprachausgabe nur stotterndes Audio produziert oder sogar das System zum Absturz bringt. Als Soundkarte tut es in der Regel schon ein preisgünstiger USB-Dongle.
Des Weiteren wird die aktuellste Raspbian-Version benötigt, welche als Image in zwei Ausführungen von der offiziellen Download-Seite heruntergeladen werden kann. Am sinnvollsten ist die Nutzung des Lite-Images, da dieses ohne unnötigen Ballast auskommt, und dem Nutzer von Anfang an sämtliche Freiheiten beim Einrichten lässt. Via SSH-Zugriff kann Raspbian nach Belieben eingerichtet werden (Passwörter, Lokalisierung etc).

USB-Soundkarte einrichten

In der Regel sollten USB-Soundkarten bereits vom System erkannt werden, sobald sie eingesteckt wurden. Damit die USB-Soundkarte als Standardwiedergabe genutzt wird, editiert man die Datei /lib/modprobe.d/aliases.conf und sucht folgende Zeile:
options snd-usb-audio index=-2
Indem man dieser Zeile ein Kommentarzeichen "#" voranstellt, wird die USB-Soundkarte als "Device 0" eingerichtet, somit also als Standardsoundkarte.
Optional: Um die Ausgabe über HDMI und Audio-Ausgang des Pi komplett zu deaktivieren, kann in der Datei /boot/config.txt folgende Zeile auskommentiert werden:
dtparam=audio=on

Den Mate-Desktop installieren

Bevor die Desktop-Umgebung installiert wird, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass der Raspberry Pi niemals einen vollwertigen Desktop-Rechner oder ein Notebook ersetzen kann. Selbst die Leistung des Raspi 3 gerät bei aufwändigen Anwendungen schnell mal an ihre Grenzen, frühere Pi-Versionen habe ich mit diesem Setup bislang nicht getestet. Man sollte also statt des kompletten Desktops lieber zunächst einen minimalen Desktop installieren, und hinterher entscheiden, welche Zusatzsoftware man tatsächlich benötigt. Folgende Pakete installieren die grundlegenden Mate-Komponenten sowie den Orca-Screenreader:
sudo apt update && sudo apt install mate-core mate-desktop-environment lightdm gnome-orca
Dieser Vorgang kann einige Stunden in Anspruch nehmen, je nach Geschwindigkeit der SDHC-Karte.

Accessibility-Switches

Die folgenden Befehle sorgen dafür, dass nach erfolgreicher Mate-Installation der Raspberry Pi beim nächsten Hochfahren sofort mit uns spricht:
dbus-launch gsettings set org.mate.interface accessibility true
dbus-launch gsettings set org.gnome.desktop.a11y.applications screen-reader-enabled true
Diese Befehle werden ohne sudo ausgeführt, um die Einstellungen für den angemeldeten Benutzer zu aktivieren. Um zu prüfen, ob alles geklappt hat, führt man Folgendes aus:
gsettings get org.mate.interface accessibility
gsettings get org.gnome.desktop.a11y.applications screen-reader-enabled
Beide Befehle sollten "true" als Rückmeldung ausgeben.

LightDM konfigurieren

LightDM ist der Display-Manager und ermöglicht die grafische Anmeldung am Desktop. Die Zugänglichkeitsoptionen müssen hier jedoch von Hand in die Konfigurationsdatei eingetragen werden. Hierzu editiert man die Datei /etc/lightdm/lightdm.conf und ändert die Zeile:
#greeter-wrapper=
Orca für die Anmeldung aktivieren:
greeter-wrapper=/usr/bin/orca-dm-wrapper
Weiterhin empfielt der Originaltext, den Benutzer "lightdm" der Audio-Gruppe hinzuzufügen, was nach meinen Erfahrungen jedoch unnötig ist. Wer es dennoch tun möchte:
sudo usermod -a -G audio lightdm

Vor dem Neustart

Wurden alle Änderungen gespeichert, ist der sprechende Raspberry Pi fertig eingerichtet. Im englischen Artikel wird noch der Speakup-Screenreader installiert, um auch auf der Shell außerhalb des Desktops mit Sprachunterstützung arbeiten zu können. Hierfür müsste allerdings Mate so konfiguriert werden, dass statt Pulseaudio auf Alsa zurückgegriffen wird, da Pulseaudio Speakup sonst blockiert, sobald man sich am Desktop angemeldet hat. Daher gehe ich auf diesen Abschnitt hier nicht ein. Das Mate-Terminal ist problemlos mittels Orca nutzbar. Für den direkten Shell-Zugriff kann entweder die übliche SSH-Verbindung oder BRLTTY genutzt werden, sofern man Besitzer einer Braillezeile ist.
Soll der Pi sofort in den Desktop booten, muss im Tool Raspi-Config noch in den Boot-Optionen die entsprechende Auswahl getroffen werden. Hier lässt sich auch einstellen, dass der Benutzer Pi via Auto-Login angemeldet wird, der Desktop ist dann sofort verfügbar. Nun noch den Raspberry Pi mittels sudo reboot neustarten, und sofern alles korrekt konfiguriert wurde, darf man sich über ein sprechendes Desktop-System freuen.

Die Auswahl an Anwendungen ist bei diesem Setup natürlich gering. Es ist weder Webbrowser noch E-Mail-Client installiert, was aber dank umfangreicher Paketverwaltung kein großes Problem darstellt. Firefox/Iceweasel ist nutzbar, wenn auch natürlich nicht für umfangreiche Webseiten oder tausende von Tabs gedacht. Als E-Mail-Client kann ich Sylpheed empfehlen, eine schlanke Alternative zu Thunderbird bzw. Icedove. Ob Libreoffice reibungslos läuft, habe ich bislang nicht getestet. Für einfache Textdateien ist aber der Pluma-Editor allemal gut genug. Wofür man den Desktop nutzt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Alle Anwendungen lassen sich mit der Tastenkombination Alt-F1 im Menü erkunden.
Viel Erfolg!

Über den Autor

Steffen Schultz, ein lichtloser Gelegenheitsblogger aus dem Norden Brandenburgs. Ich bin auf den Betriebssystemen Windows, Linux und Android unterwegs und berichte u. a. über meine Erfahrungen beim Nutzen von Anwendungen mit Zugangstechnologien für Blinde.

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